ISLAND

Wandern im Skaftafell Naturreservat
Vatnajökull National Park

ISLAND, WO DIE BIODIVERSITÄT IHRE STÄRKE ZEIGT

— text Andrea Pasqualotto / photos Ariondo Schiocchet / november 2015

Wandern im Skaftafell Naturreservat, Vatnajökull National Park

Der Ausblick vom Gipfel des Skaftafell ist unglaublich.
Im Osten liegt der Rücken des Öraefajökull, der Wüstengletscher, der mit 2110 Metern der höchste Punkt Islands ist. An diesem herrlichen Sommertag strahlt die Eisdecke vor dem kobaltblauen Hintergrund. Riesige Finger aus Eis schieben sich die steilen Seiten der Berges hinunter. Nach Süden hin sieht man die flache, graue Schwemmlandebene Skeindarsandur, ähnlich einer afrikanischen Wüste. Im Hintergrund flimmert der ferne Atlantik wie eine Fata Morgana.
Das Licht ist heute überall. Es fasst Island ganz gut zusammen: Das Land, in dem die vier Urelemente mit einander um die Wette eifern und die Landschaft unterwerfen. Wo Wasser, Erde, Wind und Feuer den Rhythmus des Lebens bestimmen und wo alles Leben, auch die Menschen, sich unermüdlich an die raue Oberfläche klammern in der Hoffnung nicht fortgerissen zu werden. Genau unter solchen extremen Bedingungen zeigt die artenvielfalt ihre Stärke und ihre Anpassungsfähigkeit.
Der Sjónarnípa Aussichtspunkt ist der Schlusspunkt einer wundervollen Wanderung im Skaftafell Nationalpark. Hier scheint der Skaftafell-Gletscher so nah, dass man meint ihn anfassen zu können. Seit 1967 ist der Park ein Schutzgebiet und 2008 wurde er in den Vatnajökull-Nationalpark eingegliedert, der nun, mit schätzungsweise 14.000 km², der größte Nationalpark Europas ist.
Vom Besucherzentrum am Fuß des Berges aus gibt es einen leicht zu begehenden Pfad in Richtung Svartifoss – dem schwarzen Wasserfall, der sich mit viel Lärm in ein Amphitheater aus Basaltsäulen stürzt. Die Feuchtigkeit legt sich glänzend auf jede Oberfläche und betont das Schwarz der Basaltsteine, das Grün der Pflanzen und die knallbunten Farben der wasserdichten Jacken der Wanderer.
Von hier aus geht es weiter Richtung Norden, immer den Schildern nach Sjónarnípa folgend. Im Anschluss klettert man den freiliegenden Kamm des Berges hinauf. Die Vegetation hat sich bereits merklich verändert – die typischen Pflanzen der arktischen Tundra dominieren. Es überwiegen Weidesträucher und Birken, sowie Teppiche aus Blaubeerbüschen und weichen Moosen.

Der unerbittliche Kampf gegen die Erosion des Bodens

SileneDas Gelände entlang des vorgegebenen Weges ist, wie in vielen Naturreservaten Islands, mit hunderten Metern Seil abgesperrt. Bodensenken und Vertiefungen, in denen sich Regenwasser sammelt und wo kleine Torfmoore entstehen, sind mit hölzernen Stegen überbrückt. In regelmäßigen Abständen tauchen kleine Schilder am Wegesrand auf. Sie zeigen einen rot durchgestrichenen Wanderstiefel: Bleib auf dem Weg! In den letzten fünf Jahren haben sich die Touristenzahlen im zweistelligen Bereich erhöht. Als Folge hat sich diese Infrastruktur vielerorts durchgesetzt. So werden die beliebtesten Wanderwege nicht sicherer und leichter zugänglich, vor allem aber wird das empfindliche ökologische Gleichgewicht dieser Landschaft vor der Erosion geschützt.
Seit die ersten skandinavischen Kolonisten vor über tausend Jahren nach Island kamen und ihre gefräßigen Herden sich über die unberührten Weiden hermachten, kämpfen die Isländer gegen den unaufhaltsamen und permanenten Schwund von fruchtbarem Boden.
Der „Hunger“ nach Holz und das intensive Abholzen haben nacheinander zur fast vollständigen Entwaldung und zum Verbrauch der dünnen Bodenschicht geführt, die sich nach der letzten Vereisung über Felsen, vulkanische Asche und Gletscher- und Flussablagerungen gelegt hat. Von der Erosion betroffen sind 75 Prozent der Oberfläche Islands. Der Rest besteht aus Fels oder Eis, ein Bruchteil ist verstädtert. Auch vom unkontrollierten Wandern der Touristen geht ein negativer Einfluss aus, der verringert werden muss.
Ich beobachte die kahle Landschaft von dem Steinhaufen aus, der die Seitenmoräne des Gletschers begrenzt. Vereinzelt sieht man verharschte Flechten, die fest im Basalt verankert sind. Nur wenige Organismen sind in der Lage hier zu überleben, wo sie den strengen klimatischen Bedingungen komplett ungeschützt gegenüber stehen.
Ich verlasse den Berg wieder. Diesmal über eine andere, kürzere Route mit einem außergewöhnlichen Ausblick über das darunterliegende Tal. Sie führt mich an der steilen Südseite des Austurbrekkur entlang.
Hier blüht die Pflanzenwelt auf, geschützt vor den kalten und trockenen arktischen Winden, die selbst die hartnäckigsten Pflanzen austrocknen. Birken, Weiden und Eschen wachsen bis zu vier Meter in die Höhe und schaffen so die Grundlage einer echten Waldlandschaft. Nach der vorangegangen Tundra-artigen Erfahrung fühlt man sich plötzlich wie in einem ursprünglichen tropischen Regenwald.

"Island schönste Blume", Das Arktische Weideröschen

Chamerion latifoliumDer kurze nordische Sommer ist fast vorbei und der Höhepunkt des Pflanzenwachstums ist erreicht.
Ausgedehnte Engelwurzbüsche verzieren das florierende Unterholz mit ihren weißen Schirmen, während hier und da eine neugierige Drossel von Ast zu Ast fliegt.
Ich erreiche die schwarzen Endmoränen des Skaftafelljokull, wo Pionierpflanzen sich abmühen beim Kolonisieren der instabilen und kiesigen Oberfläche. Ich kann das Ende des Gletschers sehen. Trümmer und Geröll stürzen in die schlammige Lagune, von wo ein Fluss in Richtung des nur dreißig Kilometer entfernten Atlantiks fließt. Weit darüber, jenseits des Gipfels, leistet der 8000km² große Vatnajökull (der Vatna-Gletscher) unerbittlichen Widerstand gegen das Schmelzen.
Ich mache mich gerade auf den Weg zurück zum Besucherzentrum, als mir plötzlich ein unerwarteter Farbspritzer ins Auge springt: Eine leuchtende Fuchsie sitzt hinter einem Streifen Schotter. Wahrscheinlich die schönste und außergewöhnlichste Blume Island, Chamerion Iatifolium, besser bekannt als Arktisches Weideröschen, lugt arglos hinaus in die feindliche Umgebung.
Die Nationalpflanze Grönlands – wo sie niviarsiaq genannt wird, was so viel heißt wie kleines Mädchen – ist für die Inuit von außerordentlicher Bedeutung.
Da jeder Teil der Pflanze genießbar ist, ist sie in der extremen Umgebung eine elementare Nahrungsquelle. Diese ausdauernde Pflanze klammert sich heldenhaft an den Kiesel und erstrahlt während des Sommers in wunderschönen Blüten, die sich vom dunklen Kies abheben.





Andrea
Pasqualotto, studierter Naturwissenschaftler, arbeitet heute als Naturführer und engagiert sich für Umwelterziehung und Ökotourismus. Er organisiert und leitet Wanderungen in den Dolomiten, in Zusammenarbeit mit Kailas – Viaggi e Trekking (www.kailas.it). Er hat in Island gelebt und hat in den vergangenen Jahren viele Reisen dorthin begleitet, so dass er Island als zweite Heimat betrachtet.




Ariondo
Schiocchet, photographer and traveler, passionate about nature and the mountains.
Active member of the Italian Alpine Club.




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