DER REALISMUS DER BERGE. Auf der Jagd nach „Almgesichtern”

Geh Nebel, geh zum Bach,
berühre leicht das Wasser und nimm seine leuchtenden Tränen mit.
Dann flieg Nebel, flieg auf die Tannen und spinn deine Seide zwischen ihren Nadeln.
Lauf Nebel, lauf nach Norden und nimm die Traurigkeit des Menschen mit.
Dann steige empor Nebel, steige empor auf den Berg;
dort oben verschwindet mit dir jede Sorge.(1)

Dies ist eines der wunderbaren Walser-Gedichte, die zusammen mit Gebeten und Volksliedern (auf Italienisch, Deutsch und Titsch) im Fotoband „Valsesia. Almgesichter” von Lorenzo Di Nozzi zu finden sind.

Auch die Schwarz-Weiß-Fotos – eine wirkungsvolle Farbwahl, um die Reinheit der Formen zu unterstreichen – sind die Poesie des Alltäglichen, die der Autor dem Volk der Almen rund um Alagna Valsesia und Riva Valdobbia gewidmet hat. Es ist ein kostbares Buch, Zeugnis der Zeitgemäßheit der Welt der Almen, das fern ab von jedem rhetorischen Mittel die Gegenwart fotografiert. Die Vergangenheit ist jedoch in einer bestimmten Weise in der Gegenwart enthalten und es sind die antiken Gesichter der Alpenbewohner, die sie enthüllen, auch wenn ihre Kleider, vor allem die der jungen Leute, auf die Moderne verweisen. Die Gesichter sind die der “Bergmenschen” schlechthin, ein alemannisches Volk, das sich um das 12.-13.

Jahrhundert nach einer der wichtigsten transalpinen Wanderbewegungen an den Weiden um den Monte Rosa angesiedelt hat. „Die Almen sind das echte Herz der alpinen Kultur”, schreibt Lucia Bonesio, Dozentin für Geophilosophie, „ […] verbreitetes und außergewöhnliches Monument nicht nur für Hingabe, Arbeit, bauliches und umwelttechnisches Können, vor allem aber Ausdruck und gleichzeitig Garant für das gemeinsame Werk der Identität, das die Landschaft ist, Ergebnis der unaufhörlichen Zusammenarbeit von Mensch und Natur […]”. Das „Herz der alpinen Kultur” liegt in den Gesichtern von Lorenzo Di Nozzi, Bilder, die über den dokumentarischen Wert hinausgehen und den Landstrich erzählen: Die Schönheit der Landschaft vereint mit dem harten Leben in den Bergen all jener, die sich in Höhenlagen, an der Überlebensgrenze niederlassen mussten.

Die Fotografie ist nicht nur ein Mittel, um etwas zu sehen, sondern wird in geschickten Händen zu einer Geste, um dem zuzuhören, was uns umgibt und in einer Gefühlstiefe zu zeigen, die alle Sinne berührt und den Leser zu den soeben gesehenen Gesichtern zurückkehren lässt.

Lorenzo Di Nozzi ist Bühnenfotograf und lebt zwischen Spanien und dem Ortasee. Derzeit ist er der offizielle Fotograf des Palau de la Musica in Barcellona und des International Jazz Festival in Barcellona. Von der Theaterbühne zur Bühne der Berge scheint der Sprung wirklich groß zu sein. „In der Tat sind es zwei von einander entfernte Welten”, bestätigt Di Nozzi. „Trotz dessen habe ich viele gemeine Punkte entdeckt: Ich habe nämlich immer versucht, die Almen so zu betreten, wie man ein Theater betritt, auf Zehenspitzen, und dabei versucht, diese Harmonie und dieses Gleichgewicht, das man spüren kann, nicht zu stören. Wenn ich mir die Fotos jetzt wieder anschaue, sehe ich die Suche nach dem gleichen Licht, mit dem ich im Theater arbeite. Auf der Alm habe ich nur natürliches Licht benutzt, aber die Kontraste und die Weichheit des Lichts sind die der Bühne.”

Das Valsesia ist der Landstrich, in dem Di Nozzi aufgewachsen ist, wo ihn sein Vater die Liebe zu den Bergen und insbesondere zum Monte Rosa gelehrt hat. „Ich verdanke diesen Bergen und ihren Menschen viel. Es schien mir ein Weg zu sein, etwas zurückzugeben, auch wenn ich gestehen muss, dass mir dieses Projekt unter dem menschlichen Aspekt so viel gegeben hat, dass ich jetzt denke, noch mehr in der Schuld zu stehen. Die Reise in diese Welt”, fährt Di Nozzi fort, „hat mir eine lange Reihe der Zusammentreffen mit außergewöhnlichen Menschen, und ergreifende Episoden geschenkt, die ich stets in mir tragen werde. Ich habe ebenso viele Lebensgeschichten erhalten, wie es Bilder gibt. Schwierige Geschichten von Opfern und Mühe, aber auch von Liebe, Selbstlosigkeit und Hingabe.” Im Laufe des 20. Jahrhunderts haben alle Walser-Gemeinschaften einen starken Rückgang und eine frühzeitige Verarmung der traditionellen Wirtschaft und des kulturellen Erbes erfahren. „Als ich dieses Projekt in Angriff genommen habe, dachte ich, dass die Welt, die ich dabei war zu entdecken, nunmehr am Ende angelangt war. In der Tat muss ich zugeben, dass es ihr nicht gut geht”, ist die Feststellung von Lorenzo Di Nozzi. Aber dann fügt er hinzu: „Es gibt aber viele junge Leute, Kinder von Hirten, die sich entschlossen haben, in die Fußstapfen der Väter zu treten, oder die sich entschieden haben, nach einer Erfahrung in der Stadt, die ihre Träume nicht erfüllt hat, in die Berge zurückzukehren. Diese jungen Leute machen Hoffnung.” Die Veröffentlichung des Bands hat gleichzeitig mit einem anderen freudigen Ereignis für die Familie Di Nozzi, nämlich der Geburt des ersten Kindes Romeo stattgefunden und der Gedanke des Vater gilt seinem Sohn: „ Ich wünsche mir, dass er eines Tages das Privileg haben kann, das ich gehabt habe, und diese Welten entdecken darf. Mein Optimismus sagt mir, dass er nicht nur diese Möglichkeit haben wird, sondern auch, dass Romeo in einer besseren Welt als der unseren leben wird. Eine Welt, in der der Mensch verstanden hat, dass wir zur Erde zurückkehren müssen und dass wir einander brauchen, wenn wir uns retten wollen. Teilen, denke ich, ist das Wort, das uns retten wird und das noch heute auf den Almen wie in vielen anderen kleineren Welten widerhallt.” Und dann fährt er fort: „ Die Welt wie wir sie kennen, ist am Ende, es gibt sie nicht mehr. Wir sind ganz unten und bereit, wieder aufzusteigen, um eine neue Welt bereichert von der Erfahrung und den gemachten Fehlern zu schaffen, um uns der Natur mit Freundlichkeit und Respekt wieder anzunähern. Es geht nach Hause!”

- Valsesia. Volti d’alpeggio, foto di Lorenzo Di Nozzi, a cura di Paola Riccardi, 99 foto b/n, 120 pp, ril. 21x29.7, 2012. Il volume è acquistabile sul sito www.valsesiavoltidalpeggio.com.
(1) Poesia di Anna Maria Bacher, tratta dal suo libro “Wê im ä Tröim - Vecchie e nuove poesie”, Ed. Walservereinigung Graubünden

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